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Österreichische Bauzeitung

Ein Blick in die Glaskugel

Fernsteuerung via App war gestern. Künftig werden Fenster selbstständig denken und für uns entscheiden, wann es angemessen ist, zu lüften oder den Sonnenschutz zu aktivieren.

Qualität, Qualität und nochmals Qualität - von der Herstellung über die Montage bis zur Wartung: Das ist, wenn es nach Harald Greger, Geschäftsführer des Aluminium-Fensterinstituts geht, das Wichtigste, um im Kampf gegen osteuropäische Billiganbieter bestehen zu können. Seit Jahren ist der Fenstermarkt wettbewerbsmäßig schwer umkämpft, und die Billigkonkurrenz aus dem Ausland macht heimischen Herstellern das Leben und Überleben nicht gerade einfacher. Erst Anfang dieses Jahres musste ein heimischer Fensterhersteller mit Sitz in Neudörfl an der Leitha Konkurs beantragen. Die Ursachen laut Creditreform lagen vor allem in einer Übersättigung des Marktes für Kunststofffenster, insbesondere auch wegen der Konkurrenz aus Ungarn und der Slowakei. "Um uns davon abzuheben, müssen wir auf Basis aktuellster Technologie Qualität, Innovation und einen hohen Servicelevel bieten", ist auch Peter Frei, Geschäftsführer des Wiener Unternehmens Hrachowina, überzeugt. Erst kürzlich hat der Fensterhersteller mit Unternehmensschwerpunkt auf die Holzfensterproduktion nach 110 Jahren in Wien seinen Produktionsstandort nach Niederösterreich verlegt, um gemeinsam mit dem dort ansässigen Fenster-und Türenproduzenten Weinzetl zu produzieren. Mitte des Jahres wird man zudem das neue Headquarter im 22. Wiener Gemeindebezirk eröffnen, in dem man Innovation und Entwicklung weiterpflegen und ausbauen will. "Vor allem das Thema intelligente und kommunikative Fenster wird uns in näherer Zukunft sehr beschäftigen, damit Dinge, die heute noch utopisch anmuten, bald zur Realität werden", so Frei. Als Beispiel nennt er etwa das Fenster als Display nach dem Vorbild einiger Autohersteller, deren Headup-Displays Werte in der Windschutzscheibe anzeigen. "Warum also soll mir nicht mein Küchenfenster in der Früh die Wettervorhersage, neueste Schlagzeilen, die Einkaufsliste oder auch Bewegtbilder und Video-on-Demand anzeigen?" Weiterentwicklungen wären auch in puncto Pollenschutz vorstellbar. Im Moment laufe dies noch überwiegend mechanisch über einbaubare Insektenschutzgitter ab. Künftig sei aber eine Koppelung dieser mit dem Pollenwarndienst oder eine entsprechende Sensorik, die sicherstellt, dass Pollen nicht ungehindert in die Innenräume kommen, durchaus denkbar.

Intelligenz im Fenster
Wärme-, Schall- und Einbruchsschutz bleiben trotz aller nach Science-Fiction klingenden Entwicklungen laut Frei nach wie vor die zentralen Aufgaben. "Das Fenster ist die Trennlinie zwischen innen und außen, da wollen die Menschen immer feingranularer bestimmen können, wer oder was draußen bleiben muss oder hereindarf." Fenster, die sich selbst abdunkeln oder milchig werden und lüften können, sollen deshalb schon bald keine Zukunftsmusik mehr sein. "Und damit meinen wir nicht die Fernsteuerung über eine App, sondern eingebaute Intelligenz im Fenster selbst, damit die Abhängigkeit von der Cloud und der Internetanbindung überflüssig wird." Ähnliche Visionen vom intelligenten Fenster hat Mario Dornhackl, Head of Marketing Support Window Solutions South-East Europe und Marketing and Sales Director Window Solutions Alpe Adria bei Rehau. Kürzlich präsentierte das Unternehmen unter dem Motto "The Rehau View" auf der Fensterbau Frontale in Nürnberg, welche Merkmale
Fenster aktuell und in Zukunft auszeichnen. Geschlossenes Lüften etwa bei gleichzeitiger Minimierung der Wärmeverluste und Lärmemissionen: Dafür zeichnete eine Fachjury unlängst das Lüftungssystem Geneo Inovent mit dem Plus-X-Award in den Kategorien Innovation, High Quality, Funktionalität und Ökologie aus. "Dank Sensoren bemerkt das Lüftungssystem eigenständig, wann die Raumfeuchtigkeit zu hoch oder der Sauerstoffgehalt zu niedrig ist. Dauer und Intensität der Lüftungsphasen regelt es nach spezifischen Vorgaben völlig autonom. Und ein Grobstaubfilter verwehrt Pollen den Einlass ins Hausinnere", erklärt Dornhackl. Weiterentwicklungen gibt es bei Rehau auch in Sachen Material. Zwar sind die Fensterprofile des Unternehmens schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr auf eine Stahlarmierung angewiesen, mit dem Faserverbundwerkstoff Rau-Fipro X optimiert der Polymerexperte nun die Stabilität von Fensterprofilen, der diese wärmeformbeständiger macht und es ihnen erlaubt, ein höheres Flügelgewicht zu tragen. "Dadurch können größere Fensterelemente gemäß den Wünschen von Bauherren und Architekten eingesetzt werden." Auch vor der Planungsmethode BIM werden Fensterhersteller künftig nicht verschont bleiben, ist Dornhackl überzeugt. Der Polymerexperte rüste deshalb bereits jetzt seine Softwarelösungen für die Planungsmethoden von morgen.

Smart ja, komplex nein
Für Herwig Ganzberger, Geschäftsführer der Actual Fenster GmbH, spielt der Einbruchsschutz eine immer wichtiger werdende Rolle. Innovative Konstruktionsmerkmale wie Verklebungstechnologie und Profil mit doppelwandigem Dichtungssteg und Sicherheitsgläsern würden das eigene Zuhause immer besser vor ungebetenen Gästen schützen. "Und mit beispielsweise integrierten Alarmmeldern im Fenstern wird auch der Bereich der Smart Technology beim Thema Sicherheit abgedeckt." Dass die Zukunft auch für Fenster smart ist, steht für Ganzberger zwar außer Frage, dass künftig Displays den Blick in die echte Natur ersetzen, glaubt er dagegen nicht. "Viel mehr sehe ich das Fenster als Element, das den Wohnraum prägt." Ändern werden sich dagegen - und das sei bereits jetzt deutlich spürbar - die Kundenwünsche. "Individuelle Lösungen und schnelle Lieferzeiten sind mehr denn je gefragt." Und unter den Smart-Technology-Angeboten bei Fenstern und Türen seien jene am beliebtesten, "die die Bedienung erleichtern und es dabei nicht zu komplex machen". "Ein Fenster ist schon lange nicht mehr nur ein Glas mit Rahmen", weiß Kapo-Geschäftsführer Wolfgang Berti. Als derzeit absolut wichtigen Trend bezeichnet er die automatische Verdunkelung von Fenstergläsern und verweist auf das Glas "Priva-Lite", das sich per Knopfdruck von transparent auf milchig schalten lässt. Ziel sei es, "künftig den wartungsintensiven Sonnenschutz auf der Gebäudeaußenseite abzulösen". Den Schlüssel zum Erfolg sieht er künftig aber nicht nur in hochinnovativen Angeboten, sondern vor allem auch in der Kundenkommunikation. Ohne Zwischenhändler sei man hier ganz klar im Vorteil. "Kunden und Architekten wünschen sich einen Ansprechpartner
für alle Arbeitsschritte im Fensterbereich, von der Beratung bis hin zur Produktion, Lieferung und fachgerechten Montage." Zusätzlich habe man durch den hohen Anteil an Handarbeit in der Fensterproduktion des Unternehmens die Möglichkeit, flexibel zu
reagieren und auch Nischenprodukte anzubieten. "Letztes Jahr hat unsere Entwicklungsabteilung beispielsweise ein Lawinenschutzfenster entwickelt und zertifizieren lassen. Damit können wir ein großes Bedürfnis unserer Kunden im Westen und Alpenraum abdecken." Holz bleibe für ihn nach wie vor das ideale Fensterrahmenmaterial, denn selbst bei großen Fensterfronten, wie sie heute von Kunden und Architekten gewünscht würden, übernehme es die statische Funktion. "Bei Kunststoffrahmen fällt die Statik dem Glas zu, was zu Überbeanspruchung, mangelnder Stabilität und zum Durchsacken der Profile führt." 

Fenster aus dem Drucker
Bei Internorm begegnet man der Digitalisierungswelle grundsätzlich "mit Freude". Man sei dafür gut gerüstet, ist sich Geschäftsführer Johann Brandstetter, sicher. Als Beispiele nennt er etwa Virtual Reality im Verkauf und 3D-Druck. Derzeit gebe es bei Internorm mehr als 30.000 Teile in der Produktion und beinahe ebenso viele für die Wartung bereits verkaufter Fenster. "Wir garantieren dafür, dass es 30 Jahre lang Ersatzteile für unsere Fenster gibt." Diese müssten beim Einsatz von 3D-Druck nur als Datensatz vorgehalten werden. Ganze Fensterrahmen drucke man im Moment noch nicht, so Klinger. Er ist aber überzeugt, dass das schon bald möglich sein werde. Da der Druck von Metallteilen derzeit noch problematisch sei, verwende man harten Kunststoff für die Ersatzteile. Dem Preisdruck der Billiganbieter könne man mit innovativen und qualitativ hochwertigen Markenprodukten entgegenwirken, meint Engelbert König, Leiter der Produktentwicklung. "Dadurch wird Vertrauen und Begehrlichkeit geschaffen. Dazu gehört natürlich auch die perfekte Dienstleistung." Bei den Materialien werde es künftig kaum tiefgreifende Veränderungen geben. "Kunststoff, Holz und Aluminium werden die dominierenden Werkstoffe bleiben. Zunehmen wird aber die Kombination dieser Materialien." Die Digitalisierung begreift auch Michael Walter, Geschäftsführer von Velux, als Chance. Zwar spielt in seinem Unternehmen 3D-Druck noch eine eher untergeordnete Rolle, "großes Zukunftsthema wird aber die Visualisierung des Tageslichteinfalls sein". Wir Menschen verbringen durchschnittlich 22 Stunden am Tag in Innenräumen, da seien natürlich auch die Behaglichkeit und der Wohnkomfort enorm wichtig. Vor allem ausreichend vorhandenes Tageslicht trage dazu bei, diesen zu steigern. "Und genau deshalb ist es so wichtig, bereits bei der Planung zu veranschaulichen, wie hell die Räume später tatsächlich sind und ob der Raum überall gleichmäßig belichtet ist." Speziell dafür habe man die MyDaylight-App entwickelt, mit der Häuslbauer und Sanierer die Möglichkeit haben, ihren individuellen Dachraum mit Tageslicht zu visualisieren. Planern stehe schon seit mehreren Jahren mit dem kostenlosen Daylight Visualizer ein professionelles Tool für die Tageslichtplanung zur Verfügung. Aber nicht nur bei der Planung, auch bei den Fenstern selbst sei man bei Velux bereits "smart" unterwegs. Im Sommer 2018 bringt der Dachflächenfensterspezialist das Smart-Home-Paket Velux Active mit Netatmo auf den Markt, bei dem Raumsensoren die COz-Konzentration und Feuchtigkeit der Luft sowie die Raumtemperatur messen. "Mit diesen Informationen können dann die fernbedienbaren Integra-Dachfenster und die Sonnenschutzprodukte intelligent und automatisch gesteuert werden." Zudem hätten Bewohner auch jederzeit die Möglichkeit, von überall aus mittels Smartphone-App selbst einzugreifen oder einfach nur die Werte einzusehen. Dass die Digitalisierung nicht nur Chancen, sondern auch
Herausforderungen für die Branche bringt, sind sich die Experten einig. "Das Spektrum der betrieblichen Bereiche, in die die Digitalisierung eingreift, ist allumfassend und stellt damit auch für die interne und externe Unternehmenskommunikation eine
sehr große Herausforderung dar", ist sich Harald Greger sicher. Trotzdem sei es für die Fensterbranche von großer Bedeutung, auf den Zug aufzuspringen, sagt Mario Dornhackl. "Denn wer das versäumt, wird im wahrsten Sinne des Wortes bald weg vom
Fenster sein."

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